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Mathematik Mit Mathe schneller zur Arznei

Die Suche nach neuen Wirkstoffen gegen Krebs im Labor ist aufwendig. Computer können helfen. Doch die Simulationen bringen selbst Superrechner an ihre Grenzen. Dank eines mathematischen Tricks ist dies nun auf dem Laptop möglich.

von Julian Mangott

Sommer, Sonne, Sonnenbrand: Da vergisst man einmal das Eincremen und schon ist die Haut am nächsten Morgen feuerrot. Doch was passiert dabei eigentlich in unserem Körper? Dieser aktiviert bei Sonnenbrand einen komplizierten Schutzmechanismus: Er lässt jene Hautzellen, die durch die UV-Strahlung der Sonne irreparabel geschädigt wurden, gezielt absterben. Diesen Vorgang nennt man programmierten Zelltod oder Apoptose. Funktioniert dieser Not-Aus-Schalter nicht richtig, können sich die geschädigten Zellen ungehindert teilen. Die Folge: Hautkrebs. Für Forschende ist dieser Schalter hochinteressant. Ihr großes Ziel ist es, Medikamente zu entwickeln, die die Apoptose gezielt nutzen, um damit Krebszellen kontrolliert zu zerstören.

Der programmierte Zelltod beruht jedoch auf dem Wechselspiel hunderter Proteintypen. Um zu verstehen, wie sich dieser Mechanismus medikamentös beeinflussen lässt, sind aufwendige und teure Experimente im Labor notwendig. Immer häufiger testen Wissenschaftler:innen daher viele Wirkstoffkandidaten zuerst am Computer und überprüfen nur die vielversprechenden anschließend im Labor. Diese Kombination aus Computersimulationen und Experimenten beschleunigt die Entwicklung neuer Medikamente erheblich.

Biochemiker:innen simulieren Zellprozesse wie die Apoptose mit sogenannten Reaktionsnetzwerken. Grafisch erinnern diese Netzwerke an elektrische Schaltpläne; statt elektrischer Bauteile bilden sie aber die Proteintypen und die Moleküle des zu testenden Medikamentes ab. Zwischen diesen Proteinen und Wirkstoffmolekülen können bestimmte chemische Reaktionen ablaufen. Sie werden grafisch als Linien oder Pfeile dargestellt, die zeigen, wer mit wem reagiert.

Allerdings ist die Sache insofern kompliziert, als dass die Apoptose ähnlich funktioniert wie ein Kippschalter – schon eine kleine zufällige Änderung in der Wirkstoffmenge oder im Proteingleichgewicht kann den Prozess am Kipppunkt auslösen. Daher beschreibt man die Apoptose mit Wahrscheinlichkeiten: Wie wahrscheinlich ist es, zu einem gegebenen Zeitpunkt eine bestimmte Zahl an Proteinen und Wirkstoff­ molekülen im Netzwerk zu finden – und damit, ob der programmierte Zelltod einsetzt?

Julian Mangott veranschaulicht, wie der Algorithmus ein Reaktionsnetzwerk mit mehreren Proteintypen teilt, um den Rechenaufwand zu verringern.
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Julian Mangott veranschaulicht, wie der Algorithmus ein Reaktionsnetzwerk mit mehreren Proteintypen teilt, um den Rechenaufwand zu verringern.

Durch die Reaktionen zwischen den Proteinen und den Molekülen im Reaktionsnetzwerk ändert sich die Wahrscheinlichkeitsverteilung mit der Zeit. Und das lässt sich mit der chemischen Mastergleichung beschreiben. Dabei handelt es sich um eine komplizierte Differentialgleichung, deren Lösung – die Wahrscheinlichkeitsverteilung – nicht mehr von Hand, sondern nur noch mithilfe von Algorithmen am Computer berechnet werden kann. Weil selbst leistungsfähige Supercomputer dabei schnell an ihre Grenzen stoßen, suchten wir nach besonders effizienten Algorithmen zur Lösung der chemischen Mastergleichung.

Ein Beispiel veranschaulicht das. Nehmen wir an, wir lösen die Mastergleichung für ein kleines Reaktionsnetzwerk mit zwei Typen von Proteinen. Von jedem Typ können zwischen 0 und 99 Exemplare vorkommen. Dann gibt es für die beiden Typen insgesamt 10 000 mögliche Kombinationen. Lösen wir die Mastergleichung, so erhalten wir für jede Kombination eine Wahrscheinlichkeit. Doch für jeden zusätzlich zu berechnenden Proteintyp steigt der Speicherbedarf des Computers um den Faktor 100.

10 000 Kombinationen lassen sich noch leicht speichern, aber bereits für sieben Proteintypen bräuchten wir 800 Festplatten mit je einem Terabyte Speicherplatz – und das für jeden Zeitpunkt unserer Simulation! Dieser „Fluch der Dimensionalität“ bedeutet: Rechenaufwand und Speicherbedarf wachsen exponentiell mit der Dimensionalität des Problems. In unserem Fall ist das die Anzahl der Molekül- und Proteintypen.

Mithilfe einer mathematischen Technik, der „dynamischen Niedrigrangapproximation“, wollten wir diesen Fluch brechen. Die Idee: In der hochdimensionalen Wahrscheinlichkeitsverteilung steckt viel Redundanz. Wir können daher den Großteil der Information außer Acht lassen, ohne die Verteilung nennenswert zu verändern. Das machen sich beispielsweise auch Bildkompressionsverfahren zunutze: Wenn wir ein völlig weißes Bild speichern wollen, müssen wir nicht die Farbwerte aller Bildpunkte einzeln speichern – es reicht die Information aus, dass alle Pixel weiß sind.

Dazu teilt unser Algorithmus das Reaktionsnetzwerk in zwei gleich große Teile auf. Statt einer großen Wahrscheinlichkeitsverteilung berechnen wir nun für jeden Teil eine kleine Zahl von sogenannten Niedrigrangfaktoren. Man kann sich diese als „kleinere“ Wahrscheinlichkeitsverteilungen vorstellen, die neben der Zeit nur von den Wirkstoffmolekülen und den Proteinen im jeweiligen Teilnetzwerk abhängen. Das halbiert die Dimensionalität und senkt den Speicherbedarf deutlich: Benötigte die gesamte Wahrscheinlichkeitsverteilung in unserem vorigen Beispiel noch 10 000 Datenpunkte, so lässt sich ein Niedrigrangfaktor mit lediglich 100 Datenpunkten speichern.

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Allerdings kommt es manchmal vor, dass wir Reaktionen, die beim Aufteilen des Netzwerks durchtrennt wurden, nur näherungsweise berechnen können. Wie genau diese Näherung ist, lässt sich jedoch steuern. Je mehr Niedrigrangfaktoren wir kombinieren – ihre Anzahl nennt man den „Rang“ –, desto genauer wird das Ergebnis.

Nehmen wir als Beispiel zwei Proteintypen, A und B. Wenn anfangs ihre Mengen voneinander unabhängig sind, dann lässt sich die Verteilung vollständig in einen A- und einen B-Teil zerlegen und ein einziger Niedrigrangfaktor pro Teilnetzwerk (also Rang 1) genügt. Sobald jedoch Reaktionen zwischen A und B ablaufen, entsteht eine Korrelation: Beispielsweise kann Protein A die Entstehung von B hemmen und umgekehrt. Für eine solche Reaktion reicht dann ein Niedrigrangfaktor pro Teilnetzwerk nicht mehr aus. Deshalb passt unser Algorithmus die Niedrigrangfaktoren dynamisch an und kombiniert bei Bedarf mehrere. Glücklicherweise weisen die meisten Reaktionsnetzwerke eine sogenannte Niedrigrangstruktur auf: Meist genügen schon 10 bis 20 Niedrigrangfaktoren für eine sehr gute Näherung.

Indem der Algorithmus das Aufteilen in Teilnetzwerke wiederholt, können Speicherbedarf und Rechenaufwand drastisch reduziert werden: Beispielsweise konnten wir damit die Wahrscheinlichkeitsverteilung eines Netzwerks mit 20 Proteinen von astronomischen 1031 Megabyte auf lediglich 2 Megabyte komprimieren. Was vorher selbst für die leistungsfähigsten Supercomputer um ein Vielfaches zu groß war, schaffte nun ein Laptop.

Inzwischen haben wir aus unserem Algorithmus auch eine Software für Biochemiker:innen entwickelt. Damit können sie einfach Reaktionsnetzwerke aufsetzen und die Wirksamkeit eines potenziellen Medikamentes effizient am Computer testen, ohne die Mathematik unserer Methode kennen zu müssen. Solche computergestützten Methoden werden in Zukunft immer wichtiger, denn Krebs ist weltweit auf dem Vormarsch. So haben sich die Hautkrebsfälle in Deutschland in den letzten zwei Jahrzehnten fast verdoppelt. Wir hoffen daher, dass unsere Software dazu beitragen kann, schneller Wirkstoffe zu finden, mit denen sich die Hautkrebszellen rasch und wirkungsvoll vernichten lassen.

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Tod den Tumorzellen

Die Apoptose im Kampf gegen den Krebs

Ohne den programmierten Zelltod wäre Leben unmöglich. Denn die sogenannte Apoptose sorgt dafür, dass beschädigte, gealterte oder nicht mehr benötigte Zellen kontrolliert absterben. Ausgelöst wird sie beispielsweise durch DNA-Schäden infolge ionisierender Strahlen oder einer fehlerhaften Zellteilung. Bestimmte Enzyme leiten dann den kontrollierten Abbau der Zelle ein: Die Zelle schrumpft und ihre DNA wird zerlegt, bevor Fresszellen des Immunsystems die Reste beseitigen.

Zu den Eigenschaften von Krebszellen gehört, dass sie infolge genetischer Veränderungen jene Signalwege stören, die den programmierten Zelltod auslösen. So überleben sie nicht nur, sie vermehren sich auch unkontrolliert. Ziel moderner Krebstherapien ist es daher, die Apoptose wieder zu aktivieren. Da die gezielt wirkenden Medikamente vor allem Tumorzellen angreifen, wird das gesunde Gewebe geschont.

Gleichwohl ist dies in der Praxis eine Herausforderung. Denn die Mechanismen, mit denen sich Krebszellen vor dem programmierten Zelltod zu schützen versuchen, sind vielfältig. Ein bekanntes Beispiel für die gezielte Auslösung des Zelltods ist der Wirkstoff Venetoclax, der bei bestimmten Formen von Blutkrebs eingesetzt wird. Er greift gezielt in das Überlebensprogramm von Krebszellen ein, indem er ein bestimmtes Protein blockiert. Dieses ist im Übermaß vorhanden und verhindert die Apoptose. Durch die Bindung von Venetoclax wird diese Blockade aufgehoben: Das zelluläre Sterbeprogramm springt wieder an, und die Tumorzellen zerstören sich selbst.

Leider entwickeln die Tumorzellen Mutationen, sodass Venetoclax nach einiger Zeit nicht mehr richtig anbinden kann. Zum Glück bedeutet eine solche Resistenz aber nicht das Ende der Behandlungsmöglichkeiten, da Folgetherapien die mutierten Krebszellen an anderen Schwachstellen angreifen können. — J. Schüring

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